Die Zustände in Deutschland sind mittlerweile unerträglich geworden – ein kritischer Bürger wendet sich an seine Mitmenschen.

Das Auswanderungsland. Ein Gastbeitrag von Andreas Schell für Rubikon 23.05.2021

Es sind die Kleinigkeiten eines immer mehr sich verdüsternden Alltags, die uns mitunter mehr zu schaffen machen als die „große“ Politik. Irreführende Statistiken, verängstigte Nachbarn, verhinderte Gartenfeste und Konzertbesuche, der Konformismus der Anständigen und das selbstgerechte Eindreschen auf Andersdenkende, das Sterben der Läden und die Geburt einer neuen Form von Totalitarismus. Man muss über all das nicht verzweifelt sein; wenn man noch selbstständig denken und gesund fühlen kann, ist es jedoch sehr schwer, einer düsteren Grundstimmung zu entgehen. Nein, dieses „freie“ Land ist nicht die DDR — es ist in vieler Hinsicht schlimmer.

Manchmal denke ich über Auswanderung nach. Der Rückbau

unserer sozialen Gemeinschaft zu versprengten, hörigen, einsamen, ängstlichen Individuen hat mich, auch wenn er Gott sei Dank zumindest teilweise misslungen ist, streckenweise komplett demotiviert. Aufgefangen werde ich von einer wachsenden Gemeinschaft Gleichgesinnter, die ich erst einmal finden musste und die nun immer größer wird.

Es gibt ja so viele wache, klar denkende Menschen. Sie haben mir das Leben gerettet, und ich bin ihnen dafür so dankbar. Mein Verständnis für all die Fremdbestimmten, die fest daran glauben, auf dem rechten Weg zu sein, ist dagegen nahezu aufgebraucht. Vielleicht mag ja irgendwann noch der eine oder andere zur Kenntnis nehmen, dass Masken zwar politisch-ideologisch wirksame Symbole der Gleichschaltung sind, aber zur Abwehr von Viren völlig zwecklos. Diese Einsicht kommt aber dann, falls überhaupt, zu spät, obwohl sie vor 2020 schon einmal anerkannter Stand der Erkenntnis war. Uns, den anderen, war das von Anfang an klar, und wir haben uns auch nicht einfach so unser hart erlerntes Wissen nehmen lassen.

Nach dem Rückbau von über 7.000 Intensivbetten und der Schließung von 30 Krankenhäusern herrscht Bettenmangel. Ach? Das Personal sei knapp, unter anderem deswegen, weil es auf die eigenen Kinder im Homeschooling aufpassen muss. Die Kinder verblöden wiederum. Auch werden sie kaum krank vom SARS-CoV-2 Virus. Sie sind unsere Zukunft, und das wisst Ihr. Muss trotzdem alles genau so sein?

Nur ein Impfstoff mit neuer Biotechnologie hilft, der keinen signifikanten Unterschied bei der Sterblichkeit macht? Er schützt zu 90 Prozent vor einer Krankheit, die bei sonst Gesunden in über 99 Prozent der Fälle harmlos verläuft?

Wieso habt Ihr denn eigentlich nicht kapiert, was „keine Übersterblichkeit“ oder „regelmäßig milder Verlauf“ bedeutet?

Nach dem Maximum der dritten Welle, einer reinen Testwelle, jetzt zum Frühlingsbeginn, nehmt Ihr jetzt also noch ein Ermächtigungsgesetz hin und haltet Euch auch wirklich daran? Glaubt Ihr dann, dass das dieser Tage zu erwartende saisonale Verschwinden der Viren der politische Erfolg einer Regierung ist, die im gleichen Zug alles zerstört, was wir und unsere Eltern und Großeltern an Wohlstand, Freiheit, Aufklärung und Stabilität erarbeitet haben?

Hat keiner von Euch bemerkt, dass der DAX innerhalb eines Jahres um 50 Prozent gestiegen ist? Ist denn gar kein Zusammenhang zu den Bedürfnissen der Finanzindustrie für Euch zu erkennen? Wirklich nicht?

Und was ist eigentlich an dem Satz nicht zu verstehen: „Die Tests können keine Infektion nachweisen?“ Ach, ich habe ja so viele Fragen an Euch …

Das gut gemachte, satirische Erwachen einiger bekannter Schauspieler unter dem Label #allesdichtmachen wurde gerade von denen ungestraft mit Dreck beworfen, die zu den Hauptverantwortlichen für Desinformation und Polarisierung der Gesellschaft gehören. Stört Euch das auch? Warum lasst Ihr es Euch denn dann bieten? Merkt Ihr denn gar nicht, wie alles mit allem zusammenhängt?

Meine Hobby-Band gibt es nicht mehr. Weder ist ein Livekonzert mit tanzendem Publikum überhaupt denkbar, noch will ich das: tiefenindoktrinierten Angsthasen gute Musik aus guten Zeiten vorspielen, frisch getestet am besten noch, mit Maske und Abstand. Schon deshalb gebührt denen doch nichts anderes als der ewige, mies gelaunte, klanglose Lockdown. Nach dem haben sich viele so verzehrt, dass sie eine faschistoide Technokratie ohne Kultur und Lebensqualität ihrer Freiheit und Lebensfreude vorziehen. Schlagt Ihr lieber mit Cancel Culture alle Erinnerungen kaputt? Es gibt ja schon keine Blasmusik mehr, keine Frühlingsfeste, keinen Breitensport, keine Vereine und keine Mannschaften, ja nicht einmal fröhliche Grillfeste im privaten Garten, auf denen es etwas höher hergeht.

Die Atomisierung der Gesellschaft in lauter traurige Flachbildschirm-Zombies, reduziert auf Like und Dislike, von philantropischen Konzernen und NGOs überwacht, gehypt oder zensiert und stets beschützt von der Polizei, dem besten Freund und Helfer der geldmächtigen Elite, ist so gut wie vollendet. Dass man mit alledem das rein hypothetische Ausufern eines viralen Hustens vermeidet, ist mir genauso neu wie unverständlich.

Ganz sicher gibt es weiterhin Berge, Flüsse, Wiesen, Wälder und gute Musik. Alles sieht aus wie immer. Es gibt ja auch geheime Stammtische, leise nachbarschaftliche Hilfe, privaten Schulunterricht, frisches Bier, lokalen Tauschhandel und gutes Essen vom Bauernhof. Als Familie sind wir glücklich. Wir sind deswegen auf die digitale Tyrannei vorbereitet, weil wir uns die analoge Gaudi erhalten haben.

Niemand ist Covid-krank, kein Handwerker, kein Wirt, kein Einzelhändler und kein Pfleger, und falls doch, dann wird es bei allen wieder, und die Freude über jede Genesung ist groß. Fast nichts hat sich geändert, außer dass einige Freunde jetzt in existenzieller Not sind, ambulante Pneumonien seltener vorkommen, neuerdings immer Covid-19 heißen und das Pfeiffersche Drüsenfieber Long Covid. Das Label schafft die Aufmerksamkeit. Jeder kennt sich jetzt ganz genau aus, dass das alles ganz schlimm, einzigartig und vor allem völlig neu ist. Wer Fragen stellt, ist ein Rechter.

Tatsächlich war es Euch allen bis zum Jahr 2020 doch einfach nur egal, wer oder was in unseren 20.000 immer mit Schwerkranken gefüllten Intensivbetten behandelt wurde.

Genauso egal waren Euch die Alten und Gebrechlichen, die jetzt einsam auf das Jämmerlichste und Unwürdigste in ihren Heimen verrecken, weil das nun einmal Eurer neuen Religion nach gut und richtig ist. Es schützt ja sicher Euch selbst … und ganz vielleicht auch andere. Wenn jeder an sich denkt, ist an alle gedacht, nicht wahr?

Manche nehmen aus zu Altruismus umbenanntem Egoismus die Impfung gegen ein Virus in Anspruch, das es in drei Monaten nicht mehr geben wird, und werden so freiwillig zum genetisch veränderten Organismus. Keine Ahnung über die weiteren Implikationen, aber wird schon stimmen, was die Experten sagen, die schon mit ihren Prognosen über den Verlauf der Plandemie um Dekaden danebenlagen. Mit Mais darf man das nicht, denn Gen-Mais ist ja irgendwie empörend, aber Gen-Menschen darf, nein muss es geben?

Ein entfernter Verwandter, vielleicht ein Cousin des englischen Mutanten, sei ein gleich doppelt mutiertes indisches Virus und vielleicht gegen die Impfung resistent, so erfährt man mit eigentümlich nationalistisch-chauvinistischem Unterton aus der Tagesschau, die im Dienste des Narrativs plötzlich Interesse für das immerwährende Elend in den Slums von Mumbai heuchelt.

Titellose Experten mit Bundesverdienstkreuz und leistungslosem Grundeinkommen aus den Töpfen der Reichen nicken, keiner widerspricht. O Schreck, das wird doch nicht der Grund sein, wieso wir auch nach dem 30. Juni kein normales Leben führen werden? Aber das sagen sie uns jetzt noch nicht, sondern erst später mal, wenn es Zeit dafür ist. Unser Gedächtnis reicht nicht so weit, und aus eigener Kraft kommen wir nicht darauf, wie der Hase läuft. Da ist eine ganz kurzfristige Ansage doch das Beste.

Über den Sommer werden wir unseren heiligen Notstand sicher retten können. Der nächste Erkältungswinter wird ein Horrortrip, wenn 83 Millionen Menschen mit vom Social Distancing geschwächten Immunsystem auf die üblichen Keime stoßen, die jeden Winter Zehntausende Leben beenden. Wir müssen dann leider wieder oder weiterhin alle einsperren, und das noch strenger als zuvor, und dazu Masken tragen, um unseren zivilen Gehorsam zur Schau zu stellen. Die anderen sind ja so was von unvernünftig! Passieren wird es trotzdem, unaufhaltsam, schlimmer als vorher. In Euren Köpfen als hallendes Echo nur noch dieser eine Satz von einem fachfremden, erfolglosen Bundesgesundheitsminister: „Die Maßnahmen helfen.“

Ein Buch über Freiheit oder Knechtschaft

Ich mache da nicht mit. Ihr schon. Weil Ihr Angst habt. Das Problem sind wir leider erst los, wenn Ihr und Euresgleichen Euren Glauben hinterfragt, und das wird dauern.

Lange vor Euch sind die Menschen auf den Barrikaden, die unter diesem seltsamen, angeblich gemeingefährlichen menschlichen Sozialbedürfnis leiden. Manche nennen es Nächstenliebe, andere Egoismus.

Ich glaube, es ist die gesunde Mischung aus beidem. Alles haben wir uns sagen lassen: Querdenker — nach meinem Selbstverständnis als Naturwissenschaftler und Techniker von jeher ein Kompliment —, Nazis, Antisemiten, Covidioten, Aluhüte, Schwurbler, Hedonisten, Idioten, Deppen, Verbrecher, Mörder. Keine Maske, kein Abstand, einfach widerwärtig. Und noch immer alle gesund, das ist das Schlimmste! Kippt Euren Neid und Eure Missgunst kübelweise drüber, gebt es uns! Am besten via Facebook und Twitter, da können es alle lesen.

Warten wir einfach auf bessere Zeiten. Es gibt immerhin Hoffnung: In der ehemaligen DDR hatten die Leute mehr Spaß als die Deutschen derzeit.

Andreas Schell ist Naturwissenschaftler, Nerd, Umweltschützer und Friedensbewegter. Derzeit kümmert er sich um nachhaltige Mobilität. Davor kam der promovierte Chemiker in der Chemie- und Maschinenbau-Industrie zur Einsicht, dass unser marktradikales Wirtschaftssystem ausgedient hat. Zu viele Produkte sind bereits heute so wertlos wie das aus dem Nichts geschöpfte Geld. Das Verschlanken, Modernisieren und Dezentralisieren unserer Nahrungsmittel-, Rohstoff- und Energieversorgung ist dagegen dringend nötig — und zugleich ein großartiges Arbeitsbeschaffungsprogramm.

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