Die „Alles kann, nichts muss“ – Mentalität der modernen Gesellschaft entwertet all‘ das, was unser Leben lebenswert macht. Ist im Zwischenmenschlichen nichts mehr verbindlich, so verlieren wir die Verbindung zueinander.

Der Verlust der Verbindlichkeit. Von René Hirschfeld. Titelbild Pixabay/geralt

Wofür lohnt es sich — so kalkuliert der Mensch in der modernen Zivilisation —, in schweren Zeiten treu zu bleiben, wenn die unbeschwerte Alternative immer verfügbar ist? So kündigen wir Beziehungen und Bündnisse in dunklen Tagen, um sie für einen ebenso temporären Zeitraum gegen vermeintlich Besseres, da Glück Verheißendes auszutauschen. Doch das Prickelnde des Neuen versiegt genauso schnell, wie es gekommen ist. Fehlt mangels Verbindlichkeit das Beständige, so ist dies auf Dauer nicht erfüllend. Ohne Verbindlichkeiten und mit dem Fokus auf das schnell zu Erreichende glauben wir, dem Glück hinterherzujagen, und verstehen dabei nicht, dass wir in Wahrheit vor ihm davonlaufen.

Die meisten haben so eine Geschichte schon einmal gehört, sei es aus dem Bekanntenkreis oder aus dem Fernsehen, niemandem ist zu wünschen, sie selbst zu erleben: Ein Mensch verliert seine Arbeit, ist deprimiert, am Ende, und weil das noch nicht reicht, verlässt ihn kurz darauf seine Frau oder sein Partner. Da liegt jemand am Boden und es wird nachgetreten. Wie kommt es, dass dies so häufig geschieht? Sind wir nicht mehr bereit, Menschen auch in schwierigen Zeiten zu begleiten, die wir — solange das Leben einfach war — glauben lassen, sie seien uns wichtig?

Es ist dies durchaus kein Phänomen, das nur im privaten Bereich zu beobachten ist. Nehmen wir das prominenteste Beispiel: Fußball. Drei Spiele verloren — der Trainer wird gefeuert, — um einen einzustellen, den man vor drei Jahren auch schon mal gefeuert hatte. Der soll‘s jetzt richten. Wenn nicht? Egal, dann kommt in zwei Monaten wieder ein neuer. Oder ein alter. Hauptsache nicht durchhalten, Hauptsache sich nicht zu einem gemeinsamen Weg bekennen müssen und auch gemeinsam über die Steine klettern, die auf diesem Wege gelegentlich liegen. Gestern hieß es „Mit diesem Trainer gehen wir durch dick und dünn!“ Aber wen kümmert das Gerede von neulich?

Oder: Politik. Eine Wahlschlappe reicht, und schon sind nicht nur die wichtigen Prinzipien, die gerade noch verkündet wurden, plötzlich nicht mehr wahr, sondern auch die bisher als Heilsbringer hochgelobten Führungskräfte werden ganz schnell, ja aber wirklich ganz schnell ausgetauscht.

Es gibt viele weitere Beispiele aus etlichen Bereichen …

Es herrscht Unverbindlichkeit. Ja, es herrscht Unverbindlichkeit in unserer Gesellschaft. Sie bestimmt längst einen großen Teil des modernen Lebens. Woran liegt das?

Ist es die Tatsache, dass es uns zu gut geht? Wissen wir das, was wir haben, nicht mehr zu schätzen? Es ist kaum vorstellbar, dass in früheren Zeiten, als das Leben noch deutlich beschwerlicher war, die meisten Menschen sich tatsächlich ihr Überleben erarbeiten, ja manchmal erkämpfen mussten, jemand seinen Mann oder seine Frau verlässt, weil es diesem/dieser gerade nicht gut geht. Im Gegenteil.

Es gab Zeiten, da hielt man in solchen Situationen erst recht zusammen. Ein Feldherr, heute wäre dies der Fußballtrainer, wurde nicht nach einer verlorenen Schlacht gleich gefeuert, man verhielt sich loyal und ging für ihn in den Tod. Was nur ein aus rhetorischen Gründen angeführtes Extrembeispiel ist und ausdrücklich nicht als wünschenswertes Denken verstanden werden soll, es ist nur ein aus rethorischen Gründen angeführtes Extrembeispiel.

Ist es das Überangebot an Möglichkeiten in der heutigen Zeit? Wenn alles möglich ist, warum soll man sich dann langfristig für etwas entscheiden und damit festlegen? Man kann ja — quasi auf Knopfdruck — scheinbar alles haben, sozusagen, immer wieder etwas anderes …

Nur, was man damit eben nicht bekommt, ist etwas Wesentliches: das innere Gefühl der Verbindlichkeit, der Loyalität, des „sich zu einer Sache oder einem Menschen bekennen“. Und genau dies ist ein Punkt, der auf Dauer glücklich macht.

Der ständige Wechsel mag reizvoll sein und aufregend, natürlich. Ich kenne das auch. Zufriedenheit, Glück aber, liegt in der Ausgewogenheit von Neuem und Beständigem. Wenn letzteres fehlt, verliert der Mensch seine soziale Kompetenz.

Alles wird austauschbar, — und wenn alles austauschbar wird, hat nichts mehr einen Wert.

Ein guter Freund von mir bezeichnet Berlin gern als die „Hauptstadt der Unverbindlichkeit“ und das ist ziemlich treffend. Ich möchte aber weiter gehen. Ich glaube, es ist nicht nur Berlin. Auch wenn das Großstadtleben diese Tendenz natürlich beschleunigt, so glaube ich doch, es hat grundsätzlich etwas mit den Werten in unserer modernen Zivilisation zu tun.

Da stehen eben nicht Dinge wie Miteinander, soziale Wärme, Verlässlichkeit im Vordergrund sondern persönlicher Profit, eine falsch verstandene Art von „Selbstverwirklichung“ und eine ebenso falsch verstandene Freiheit.

Freiheit zu definieren als die Möglichkeit, zu tun und zu lassen, was man halt gerade will, möglichst ohne Rücksicht auf die zu erwartenden Konsequenzen, ist ein Grundfehler des westlichen Denkens. Freiheit wäre, eben nicht mehr irgendwelchen Illusionen vom Glück hinterher zu rennen. Freiheit vom Zwang des Neuen, Freiheit vom Zwang des Konsums, der immer stärkeren Jagd nach kurzfristiger Befriedigung, um eine innere Leere auszufüllen, die letztlich genau aus diesem Verhalten resultiert. Es ist ein Teufelskreis.

Der moderne Mensch ist nicht bereit, sich auf etwas einzulassen, was sein Leben wirklich erfüllt, rennt von einem Ersatz zum anderen und wird damit unfähig, etwas zu finden, das sein Leben erfüllt.

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Und so suchen wir das Glück und fliehen das Glück und suchen und fliehen. Und wir merken nicht, dass es da kein Ende gibt. Wie Zen-Meister Tenryu-Tenbreul einmal sagte:

„Das Suchen und Fliehen nährt nur das Suchen und Fliehen. Es gibt darin kein Ankommen.“

Was also können wir tun?

Schauen wir doch einmal, wie es uns wirklich geht. Überprüfen wir unser Verhalten. Wir können diese neo-kapitalistische Gesellschaft mit ihren verheerenden Auswirkungen auf das Denken, das soziale Verhalten und das Wertempfinden des einzelnen nicht plötzlich aufhalten. Aber wir können uns selbst prüfen, zu wie viel Verbindlichkeit, zu wie viel „Menschsein“ wir noch in der Lage sind

Und wir können einen alten Spruch beherzigen: „Will das Leben gewonnen sein, setz dein ganzes Leben ein.“ Wenn wir möchten, dass eine Tätigkeit, eine Beziehung, etwas uns wirklich ausfüllt, unser Leben bereichert, müssen wir eben auch etwas dafür tun, dafür geben: Wir müssen uns, unser Leben, wirklich einbringen. Ohne Hintertür.

Sonst ergeht es uns, wie es Bertolt Brecht in einem Lied-Text der Dreigroschenoper so wunderbar beschreibt:

„… und alle rennen nach dem Glück. Das Glück rennt hinterher.“

René Hirschfeld, Jahrgang 1965, studierte Komposition und Violine in Dresden und ist seither als freischaffender Komponist und Musiker tätig. Seine Kompositionen wurden in Europa, Asien, Lateinamerika und den USA aufgeführt. Außerdem trat er als Autor auf dem Gebiet der Musikwissenschaft sowie als Herausgeber für den Buddhismus-Verlag Beyerlein & Steinschulte in Erscheinung.

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