Zu Pandemiebeginn erntete Ruhm, wer zuhause blieb und nichts tat – auch heute können wir wieder zu Helden werden: indem wir nicht tun, was sich die Politik für uns ausgedacht hat.

Werdet Unterlassungshelden. Von Roberto J. De Lapuente, 02.09.2022, Titelbild Pixabay/Alexas_Fotos

Sich aufs Sofa fläzen, Netflix an, Chipstüte aufgerissen und dem Lieferanten, der die astrein vegane Bowl an die Haustür befördert hat, einen Euro Trinkgeld unter die Fußmatte legen: So einfach war es vor zwei Jahren, ein Held zu sein.

Politiker, Medien und lästige Zeitgenossen wurden seinerzeit nicht müde, das Heldische in uns zu beschwören. Man müsse ja nicht mal was dafür tun, einfach nur etwas unterlassen — und schon war man ein Superman. Unterlassen, irgendwo hinzugehen nämlich, unterlassen, etwas zu unternehmen, jemanden zu treffen. Etwas nicht zu tun: Das könnte auch der heroische Slogan für den Herbst werden. Wieder mal ist es ganz einfach, ein richtiger Held zu werden. Man muss nur Dinge nicht tun: sich nicht testen lassen, keine Maske tragen und das, was sich Gesundheitsminister und Innenminister in trauter Zweisamkeit ausgedacht haben, um die Pandemie in eine Verlängerung gehen zu lassen, einfach nicht ausführen.

Heroische Zeiten

Um es mit Helden zu tun zu bekommen, musste man früher einen Comic kaufen. Irgendwas von Marvel oder D.C. etwa. In solchen Heftchen schlüpften dann Leute aus dem Alltag in einen Strampler und retteten die Stadt, das Land und hin und wieder sogar die gesamte bekloppte Menschheit. Irgendwann kam jemand auf den Trichter, den Helden ins uns anzusprechen. Wenn man sich einen Ruck gäbe, seinen Mitmenschen bei irgendwas helfe zum Beispiel, mutierte jeder zum Retter und Helden.

Natürlich bestaunten wir auch allerlei Helden aus unserer Lebensrealität, ganz zu recht. Menschen, die dazwischengingen, wenn jemand verprügelt oder angeschossen wurde etwa. Oder einen mutigen Polizisten oder Passanten. Und außerdem galten Sportler bereits seit Längerem als Helden, mindestens wer in Bern heldenhaft einen Weltmeistertitel errungen hatte. Eigentlich immer handelte es sich um Personen der öffentlichen Wahrnehmung, wurde ihre Heldentat mit etwas verbunden, was nicht alltäglich war, wofür man sich aufrappeln musste.

Im Laufe der Jahre gab es jedoch Helden für jede Lebenslage — und eben auch für den Alltag. Es gab Lieferhelden und Pflegehelden. Auch wer sich für das Klima und den Umweltschutz engagierte, dem sagte man Heldisches nach. Das Heldentum zog in den Alltag ein, die amerikanische Superhelden-Kultur erfasste die Alltagswahrnehmung, wurde von der Werbung aufgegriffen und positiv aufgeladen: Denn irgendwie scheint es in die menschliche Syntax eingeschrieben zu sein, gerne ein Held sein zu wollen.

Das Heldische war aber bis hierher stets mit einer Aufgabe befrachtet, mit einem Schritt, den man gehen musste, um als Held gefeiert werden zu können. So wie Superman oder Batman musste man raus, auf die Straße, aktiv werden, eine Entscheidung treffen — und sie konsequent ausführen. Man musste laufen, springen, etwas anfassen, machen und nicht zuwarten. Wer das nicht packte, den nannte man bis vor einigen Jahren noch eine Couchpotato, was nicht gerade als Kosewort gemeint war. Dann kam die Coronakrise und urplötzlich war Unterlassung heldenhaft.

Der Held: Ein Nichtstuer

Und plötzlich galt als Heroe, wer sich nicht aus seiner Bude bewegte, faulenzte, sich räkelte, nicht zum Sport rausging, wenig Kontakte pflegte, eigenbrötlerisch war, mit sich und der kleinen Welt, die er sich auf einige Quadratmeter eingerichtet hatte, zufrieden war. Der Tagedieb mit Streaming-Kontrakt mauserte sich zu einem Helden, der ganz anders als alle anderen, die vormals unsere Wohnzimmer und Köpfe eroberten, kein Macher war, keiner, der draußen die Ungerechtigkeit beim Schopfe packte.

Von einem Moment auf den anderen stellte man die abendländische Sozialisierung auf den Kopf. Nicht mehr der, der fleißig an sein Tagwerk ging, erhielt den Respekt seiner Mitmenschen. Jetzt war der chillige Typ ein Held, der in der Jogginghose drinnen ausharrte. Müßiggang war nicht mehr aller Laster Anfang, sondern eine gute Grundbedingung für ein heldisches Leben.

Die Unterlassung mauserte sich zur Heldentat. Wobei das schlecht umschrieben ist, denn die Unterlassung war genau genommen keine Tat, sondern eine nicht ausgeführte Tat. Ein verweigertes Tätigwerden.

Das reicht aus, um ein Held gegen den bürokratischen, nicht evidenten Griff nach der Kontrolle zu werden. Aufstehen ist nicht nötig. Man kann sitzen bleiben. Und nichts tun. Kein Griff in die Tasche, um sich eine Maske zu fischen. Kein Test. Kein Besuch von 3G- oder gar 2G-Veranstaltungen.

Nichts tun, unterlassen: Nur so kommen wir da raus.

Stell dir vor, es ist Maskenpflicht und keiner macht mit

Es ist mal wieder an der Zeit, durch Nichtstun zu neuem Heldentum zu gelangen. Werdet Unterlassungshelden! Wenn man jetzt in den Netzwerken liest, mit welcher Ohnmacht Bürgerinnen und Bürger den Plänen von Karl Lauterbach begegnen, als könnten sie nichts dagegen tun, als seien sie ihnen total ausgeliefert, dann muss man ihnen sagen: Doch, könnt ihr! Nämlich indem er nichts tut — oder besser gesagt nicht tut, was sie sich für euch und uns haben einfallen lassen.

Es ist an der Zeit, es wirklich sein zu lassen. Das Mitmachen zu unterlassen. Die Rückkehr der Regelflut ist kein Naturgesetz, das man über sich ergehen lassen muss. Es ist ein Willkürakt, dem man am besten durch gesunde Ignoranz begegnet. Stell dir vor, es ist Maskenpflicht und keiner macht mit! Oder zumindest kaum einer.

Selten war Heldentum so günstig zu haben wie in diesem Falle. Es bedarf keiner übermenschlichen Kräfte, keiner Verfolgungsjagden oder anstrengender Einsätze: Einfach nur unterlassen, es sich schenken, sich ersparen, Abstand nehmen, sich verkneifen und sich entziehen. Kurz gesagt, nichts Aktives tun, sich passiv verhalten. Der Held des Augenblicks glänzt durch Entsagung und nicht durch massiven Einsatz.

Dieser ganze Wahnsinn kann vorbei sein, wenn wir uns auf dieses erste Heldentum besinnen, das in dieser Coronakrise gefeiert wurde:

Das Unterlassungsheldentum, das des aktiven Lebens entsagte und so ohne viel Zutun Heldenverehrung erhielt. Mit genau dieser Entsagung aktiv zu werden, wenn sie wieder mal fordern, man solle sich nun die Maske aufsetzen, sollten wir die Krise endgültig beenden.

Dann hätte die ganze Episode ein schönes rundes Ende und endete mit demselben Geist, mit dem sie begonnen hat: Dem Geist der Untätigkeit und der Lethargie.

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