In deutschen Städten wächst das Elend immer unübersehbarer. Die Profitmaschine spült Geld und Macht nach oben. Die Krise hat die Fließgeschwindigkeit beschleunigt, und die untere Mittelschicht droht zu verarmen. Die Angst in der Mitte beflügelt die Feindseligkeit gegen die Ärmsten. Ganz unten wächst die Not.

Die soziale Katastrophe. Von Susan Bonath, 10.12.2022, Titelbild Pixabay/Ben_Kerckx

Viele deutsche Städte klagen über eine explodierende Verelendung mit allen Folgen: Obdachlosigkeit, Drogensucht, Kriminalität, Tod.

Wer sich die Situation in Bahnhöfen und Parks beliebiger deutscher Großstädte anschaut, braucht keine Statistiken, um sie zu sehen: Menschen, die auf der Straße schlafen, verwahrloste Obdachlose, Alkohol- und Drogenabhängige, Dealer und Prostituierte — oft noch halbe Kinder ohne Perspektive. Slums wie in US-amerikanischen Vorstädten zwischen Protz und Prunk: Kurz vor Weihnachten fällt es der Verdrängungsgesellschaft wieder einmal auf und sie fragt sich: Wohin mit den Abgestürzten? Elend ist kein schöner Anblick.

„Neue Unberührbare“

Hamburg ist im dritten Corona-Winter endgültig zur Hauptstadt der Verelendeten mutiert. „Immer mehr Abhängige sind obdachlos“, resümierte zum Start des Winternotprogramms das Hamburger Abendblatt. Ein nie dagewesenes „Drogen- und Obdachlosen-Elend“ breite sich am Hauptbahnhof und andernorts aus, führe zu mehr Kriminalität, erhöhe die Unsicherheit. Es sei „nicht mehr zu ertragen“, so das Blatt. Die „neuen Unberührbaren“ würden für Anwohner und Gewerbetreibene zur Belastung.

Die Gesellschaft hat unten ein wachsendes Leck. Wer dem zunehmend aggressiven wie verlogenen Gerangel um Jobs und Erfolg nicht standhält, wem die Mühlen der Bürokratie über den Kopf wachsen, der droht durchzurutschen.

Dieses Leck, das immer mehr Überflüssige auf die Straßen spuckt, ist ein Spiegel der Gesellschaft. Ein Blick in diesen offenbart eine verdrängte Realität, die mit allen zu tun hat.

Diese Wirklichkeit stört zunehmend auch anderswo: In Frankfurt am Main zum Beispiel, in Leverkusen, und Berlin, in SachsenWiesbaden und anderswo. Viele Betroffene sterben in jungen Jahren auf der Straße, wie kürzlich ein 39-Jähriger in Hannover.

Diese Opfer haben nicht den Stellenwert der Corona-Toten „aus der Mitte der Gesellschaft“. Man kann sie nicht ausschlachten für politische Maßnahmen und Arzneimittelwerbung. Sie befinden sich dort, wo niemand hinwill, im Abgrund der Abstiegsängste und -realitäten.

Kalte Bürokratie

Die „Experten“ diskutieren nun oberflächlich, was zu dieser Entwicklung geführt haben könnte. Natürlich, rein materiell fehlt es seit Langem und zunehmend an bezahlbarem Wohnraum, während zugleich unzählige Häuser im Privatbesitz als Spekulationsobjekte verrotten. Trotz alljährlich erneuerter Versprechen stecken Kommunen kein Geld in den Bau bezahlbarer Wohungen, und durch die Decke schießende Gas- und Strompreise verschärfen das Problem.

Auch die Corona-Maßnahmen trugen ihren Teil dazu bei. Viele Städte legten Hilfsprogramme auf Eis. Behördengänge wurden zum Spießrutenlauf. Statt Drogendealer dingfest zu machen, die sogar Minderjährige ansprechen, verfolgte die Polizei wohl eher Demonstranten ohne Mundschutz, im Lockdown auf Parkbänken Sitzende und Ärzte, die Kinder mit Attesten von der Maskenpflicht im Unterricht befreiten.

Aber das ist nur eine Seite der Medaille. Soziale Verwerfungen verändern die Gesellschaft. Sie produzieren zerrüttete Familien und Hoffnungslosigkeit, so wie auch die Ausbeutung und Unterdrückung peripherer Länder für Flüchtlingsströme für Armuts- und Arbeitsmigration sorgt. Die Ärmsten ohne nennenswerte Chancen gehen dorthin, wo man den Reichtum protzig vorführt. Mit den Chancen schrumpft die Hoffnung. Notgemeinschaften von Ausgestoßenen, im politischen Slang „Parallelgesellschaften“, stören.

Denn Elend führt zu Drogensucht, psychischen Erkrankungen, Kriminalität. Ganz unten angekommen, schaffen es Betroffene meist nicht mehr, bürokratische Hürden zu bewältigen, mit diesem gnadenlosen, kalten Apparat zu ringen, dem Anträge auf Anträge vor Menschenleben gehen. Es ist ein Teufelskreis.

Moral-Symbolik und Vertreibung

In Hamburg sind die Geschäftsleute in Sorge. Sie warnen vor „Verhältnissen wie in verarmten US-Städten“. Es geht nicht um die Menschen, sondern um den Anblick, die Angst vor den Auswirkungen. Verbände und Politiker reagieren derweil mit Moral-Symbolik.

Die Kirche in Form der Diakonie hielt in Hamburg ihren jährlichen Gedenkgottesdienst an — zumeist jung auf der Straße — verstorbene Obdachlose ab. In Norderstedt mimt der Lions-Club den unvermeidlichen Weihnachtswohltäter. Anderswo übernehmen diesen Part Prominente. Und Bundespräsident Steinmeier (SPD) besuchte die Berliner Stadtmission — symbolische Aktionen ohne Ende, denen kaum nennenswertes Handeln folgt.

In Leipzig, wo immer mehr Abgehängte den Hauptbahnhof bevölkern, hält man weniger von Moralapostelei. Man will die störenden Verelendeten aus dem Blickfeld der „besseren Gesellschaft“ vertreiben. Seit Jahren dudelt darum klassische Musik aus allen Lautsprechern. Nun versperrte die Stadt mit Gittern die überdachten Schlafplätze der „Unberührbaren“ in Leipzig.

Die Logik dahinter ist vermutlich die gleiche, wie die der Hartz-IV- beziehungsweise ab Januar 2023 Bürgergeld-Sanktionspraxis: Zwang zur „Integration“ durch lebensbedrohliche Repressalien. Dass dies nicht gelingen kann, vielmehr zum Gegenteil führt, zeigt Hartz IV sehr eindrücklich.

Dieser Arbeitslosen-Gängelapparat, der Betroffene mit Strafen in den Niedriglohnsektor zu pressen versucht, hat erheblich zur Ausbreitung von Not und Elend beigetragen.

Immer mehr Drogentote

Obdachlosigkeit, Alkohol und andere Drogen gehören zusammen wie Pech und Schwefel. Wer unten angekommen ist und keinen Ausweg findet, sucht natürlich nach Wegen der Verdrängung. Wer einmal süchtig ist, ist krank und kann sich irgendwann auch nicht mehr selber aus dem Sumpf ziehen. An den politischen und gesellschaftlichen Ursachen der Verelendung wird aber nicht gerüttelt.

Mit dem Verdrängen von Problemen kennen sich die Politik und ein wohl beachtlicher Teil der Gesellschaft bestens aus. Denn die soziale Katastrophe war absehbar. Seit Jahren steigt die Zahl der Obdachlosen und Drogentoten. Erste kann niemand so genau erfassen, weil viele Betroffene nicht gemeldet sind. Die Bilder auf den Straßen sprechen allerdings für sich. Letztere ermittelt das Statistische Bundesamt jährlich — vermutlich mit einer erheblichen Dunkelziffer. Die Behörde registrierte 2021 bereits doppelt so viele Menschen, die an einer Überdosis starben, als zehn Jahre zuvor — Tendenz steigend.

Im Saarland sei die Zahl der „Drogentoten“ zuletzt so hoch gewesen wie nie zuvor, heißt es. Das gleiche Problem beklagen die Stadt München und das Bundesland Nordrhein-Westfalen. Bundesweit verdoppelte sich die Zahl der ganz jungen Drogenopfer. Auch der Handel mit harten Drogen nahm zu, wie das Bundeskriminalamt meldete. Der NDR fragt, ob die Politik im Corona-Maßnahmenrausch Suchtkranke vergaß und vereinsamen ließ.

Nicht nur in Deutschland, auch in den USA verzeichnen die Behörden eine ähnliche Entwicklung. Fast 108.000 Drogenopfer seien es 2021 gewesen, 15 Prozent mehr als ein Jahr zuvor, heißt es. Dies sei ein absoluter Spitzenwert. In Schottland läuteten schon im ersten Coronajahr die Alarmglocken.

Irreführende „Faulheitsdebatte“

Abgesehen davon, dass viele Obdachlosen gar keine staatliche Leistung erhalten, weil sie schlicht nicht imstande sind, sie zu beantragen: Armut schlägt allen auf die Psyche, auch jenen fernab von Platte und Drogensumpf. Wer arm geboren wurde, hat es um ein Vielfaches schwerer als der Nachwuchs gut Betuchter. Das ist bekannt. Zu betonen ist dabei: Bildungschancen und Erfolg im Berufsleben haben auch in Deutschland mehr mit dem Kontostand und anerzogenem Habitus zu tun als mit Intelligenz.

Die Wirtschaftskrise gefährdet Erfolgsaussichten und Einkommen in weiten Teilen der Mittelschicht massiv. Die berechtigte Angst vor dem Abstieg geht um, die Konkurrenz um Jobs, Wohnungen und Status nimmt zu. Anders ausgedrückt:

Die Untertanen ringen um Brosamen. Dabei treten sie vor allem nach unten, statt den Fokus auf die Profiteure zu richten — ein bekanntes gesellschaftliches Phänomen. Die Herrschenden nutzen dieses politische Einmaleins, um Hass und Zwietracht zu säen und von sich selber abzulenken.

Die Boulevard-Presse gießt wie gewohnt Öl ins Feuer. 53 Euro mehr „Bürgerhartz“ und keine 100-Prozent-Sanktionen mehr gegen Ungehorsame? Geht gar nicht! Abgesehen davon, dass die paar Euro nicht mal ansatzweise die Preissteigerungen decken und somit in Wahrheit eine Kürzung sind: Die „Faulheitsdebatte“ bestimmt wieder mal die Schlagzeilen, so als wären die Reichen alle ganz besonders fleißig. Vergleiche mit noch Ärmeren in anderen Ländern erblühen ebenso. Man kennt das von der Einführung von Hartz IV zum Beispiel. „Florida-Rolf“ und „Mallorca-Karin“ sind einigen wohl noch in Erinnerung.

Die Spaltungspolitik kommt zuweilen versteckt daher. Etwa, wenn ein gut genährter, hochalimentierter, mehr repräsentativer als produktiver Arbeitsminister nur „ganz hartnäckige Fälle“ hart sanktionieren will. „Hartnäckige Fälle“ klingt wie „besonders böse Faulenzer“, die einfach nicht gehorchen wollen. Wen meint er damit? Menschen, die nach Jahren der Armut unter psychischen Problemen leiden und sich nicht auf Jobs bewerben können, zu denen sie ohnehin nicht fähig sind?

Reichtum falsch verteilt

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Man muss sich die Frage stellen: Was soll mit Menschen demnach geschehen, die es aus eigener Kraft nicht schaffen? Will man sie verhungern und erfrieren lassen? Will sich jeder, der das Geld hat, eine Mauer mit Stacheldraht um sein Anwesen ziehen, um von den Ausgestoßenen nicht ausgeraubt zu werden? Sollen Arme sich wie Sklaven zu jedem Preis verkaufen und unterwerfen, und wer es nicht tut, soll sterben? Diese Frage geht durchaus auch an einige „Freiheitskämpfer“ gegen die Corona-Repressionen.

Es ist erkennbar: Der Beißreflex nach unten ist wieder einmal stärker als der nach oben. Den wirklichen Interessen der Mittelschicht dienlich ist das nicht. Es ist ja nicht so, als würde nicht genug für alle produziert — im Gegenteil. Nur gehören die Mittel dafür zu wenigen. Und denen geht es nicht um Menschlichkeit und friedliches Zusammenleben, sondern ausschließlich um Profit.

Der Reichtum ist falsch verteilt. Er konzentriert sich aktuell in großen Monopolen. Es ist ein System-Problem, das notgedrungen das Leck nach unten größer werden lässt, das Elend erzeugt und auf die Straße spült. Mit Repressionen wird es schlimmer, nicht besser — für die ganze Gesellschaft.

Susan Bonath, geboren in der DDR, arbeitet seit 2004 als freie Journalistin und berichtet seit 2010 für die junge Welt. Ihre Arbeitsschwerpunkte sind unter anderem Kapitalismuskritik, Arbeit und Soziales. Sie lebt in Sachsen-Anhalt.

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